Wohlstand neu definieren

Wenn wir heute das Wort „Wohlstand“ hören, denken die meisten von uns zuerst an Geld, ein stabiles Einkommen, ein großes Haus oder an ein dickes Auto. Auch in der Politik wurde der Erfolg eines Landes jahrzehntelang fast ausschließlich daran gemessen, wie viel in Fabriken hergestellt, gekauft und verkauft wird. Das nennt man in der Fachsprache das Bruttoinlandsprodukt (Abkürzung: BIP). Die alte Formel: Geht es der Wirtschaft gut, geht es dem Land gut.
Doch Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck hat eine Debatte angestoßen, die diese Sichtweise grundlegend infrage stellt. Seine Kernbotschaft lautet: Wir müssen Wohlstand neu definieren. Denn die reine Summe des Geldes, das im Umlauf ist, sagt noch lange nichts darüber aus, wie gut es den Menschen im Alltag tatsächlich geht.
Stellen wir uns das wie bei einer Familie vor: Ein hohes Einkommen nützt wenig, wenn die Familienmitglieder vor lauter Arbeit keine Zeit mehr füreinander haben, die Gesundheit leidet oder die Wohnung unbezahlbar wird. Genau hier setzt der neue Gedanke an. Echter Wohlstand bedeutet Lebensqualität und der besteht aus weit mehr als nur aus Zahlen auf einem Bankkonto.
Deshalb wird vorgeschlagen, den Erfolg unseres Landes künftig anders zu messen. Neben den klassischen wirtschaftlichen Daten spielen neue, menschliche und Umwelt-Faktoren eine Rolle . Zum einen geht es um die Natur: Wie sauber ist unsere Luft? Wie gesund sind die Wälder? Was nützt ein wirtschaftlicher Rekordgewinn, wenn dafür unsere Lebensgrundlagen zerstört werden? Ein zerstörter Planet hinterlässt den nächsten Generationen keinen Wohlstand, sondern Schulden.
Zum anderen geht es um das soziale Miteinander und die Gerechtigkeit. Wie steht es um die Löhne und reicht das Geld am Monatsende wirklich zum Leben? Haben Eltern gute Betreuungsplätze für ihre Kinder? Wie leicht ist der Zugang zu Ärzten, Bussen, Bahnen oder schnellem Internet, gerade auf dem Land? Das alles sind Dinge, die unseren Alltag massiv beeinflussen, aber im alten System der Wirtschaftszahlen einfach unsichtbar waren.
Natürlich gibt es an diesem Vorstoß auch Kritik. Einige Experten und Politiker befürchten, dass diese neuen Messwerte zu ungenau sind oder dass damit von echten wirtschaftlichen Problemen abgelenkt werden soll. Sie argumentieren, dass wir erst einmal eine starke Wirtschaft brauchen, um uns Umweltschutz und soziale Absicherung überhaupt leisten zu können.
Am Ende geht es bei dieser Diskussion um eine ganz einfache, aber entscheidende Frage: Was ist uns als Gesellschaft wirklich wichtig? Geht es nur um blindes, dauerhaftes Wachstum der Industrie, oder soll die Wirtschaft vor allem dem Wohl der Menschen und dem Erhalt der Natur dienen?
Robert Habecks Vorstoß zeigt, dass die Politik beginnt, umzudenken. Wohlstand bedeutet in Zukunft hoffentlich nicht mehr nur, dass die Kassen klingeln. Sondern dass wir in einer gesunden Umwelt leben, eine faire Chance auf ein gutes Leben haben und sicher in die Zukunft blicken können.
